Kurzeindruck Bolivien

Bolivien ist ein Binnenstaat im zentralen Südamerika. Es hat ca. 10,6 Millionen Einwohner, die sich eine Fläche von ungefähr 1 Millionen km² teilen. (Vergleich: Deutschland hat eine Fläche von 357.000 km²).
Schon seit jeher sind in Bolivien eine Vielzahl von indigenen Kulturen beheimat, das Land hat 37 anerkannte Amtssprachen. Mit über 40 Ethnien, die 35 Sprachfamilien angehören gilt Bolivien offiziell als multikulturelle und pluriethnische Gesellschaft.
Geografisch und gesellschaftlich steckt dieses Land voller Widersprüche und Spannungen.
Nicht gerade entschärfend wirkt die Tatsache, das zwei Drittel der Bevölkerung in Armut leben, 40% leiden gar unter extremer Armut. Hinzu kommt eine starke Ungleichverteilung des Reichtums.

Doch die soziale Grenze scheint sich fast auch in einer geografischen zu manifestieren. So wohnt der ärmere Teil der Bevölkerung im westlichen Hochland. Dort arbeiten sie meist unter extrem schlechte Bedingungen in Minen oder verdienen sich ihr tägliches Brot mit dem Anbau von Koka. Fast alle Bewohner des Hochlands, das Teil der Anden ist, sind Indigenas, die Ureinwohner Südamerikas, welche 70% der Einwohner Boliviens ausmachen.
Dieses Hochland ist der eine Pol des Landes. Er wird „Altiplano“ genannt.
Der andere ist der „media luna“, der Halbmond. So werden die Provinzen bezeichnet, welche im tiefer gelegenen Osten des Landes liegen und halbkreisförmig angeordnet sind.
Während früher der Reichtum des Landes aus den Minen floss und das Tiefland versorgte, ist es nun anderes herum. Im Bereich des media luna wohnt die reiche, weiße Oligarchie, welche sich zum großen Teil aus wohlhabenden Großgrundbesitzern zusammensetzt.

Seit Januar 2006 ist mit Evo Morales erstmals ein Indigena Präsident des Landes. Er läutete seiner Partei MAS („Movimiento al Socialismo“ – dt: „Sozialistische Bewegung“) eine soziale und wirtschaftliche Veränderung des Landes ein. So konnte er nun im Dezember 2008 das Land nach einer drei-jährigen Alphabetisierungskampagne für Analphabetenfrei erklären. Weiterhin stärkte die im letzten Januar in Kraft getretene neue Verfassung die Rechte der indigenen Bevölkerung und verschob die wirtschaftliche Gunst hin zu der ärmeren Bevölkerungsschicht. Obwohl Morales sowohl bei seiner Wahl, als auch bei dem Volksentscheid sehr gute Ergebnisse bekam, überrascht es nicht, dass in so einem kontroversen Land die neue Politikordnung auch Gegner hat. Gerade im reichen Osten des Landes stößt er auf heftige Kritik, die sich fast schon in Feindschaft äußert. So fordern die Gouvaneure der reichen Provinzen Pando, Beni, Tarija und Santa Cruz mehr Autonomie um ihren finanziellen Vorteil bewahren zu können.
Der Konflikt mündete im Jahr 2008 fast in einer Katastrophe. Im September 2008 überfielen mit Automatik-Gewehren bewaffnete Angestellte der rechten Provinz- Gouvaneure eine Demonstration der MAS- nahen Bauern in Cobijata. Daraufhin wurde der Ausnahmezustand verhängt. Institutionen wurden von der Opposition besetzt, sowohl die regierungsfeindlichen Provinzgouvaneure des media luna als auch die MAS-nahen Indigenas des Altiplano bereiteten sich auf einen Bürgerkrieg vor. Nur durch diplomatisches Geschick Evo Morales und der entschlossenen Haltung aller anderen südamerikanischen Ländern konnte ein Kriegsausbruch verhindert und eine Kompromiss ausgearbeitet werden, der in der im Januar gewählten Verfassung eingearbeitet wurde und bis heute das Land befriedet.

Dennoch sorgen immer noch Unverständnis, Rassismus, Armut und Reichtum für einen Ost-West Konflikt. Auch wenn die Gewalt nun verschwunden ist, wird es noch lange dauern bis Konflikte sich auch in den Köpfen der Menschen gelöst haben und Frieden und Gerechtigkeit in Bolivien einkehren. Die neue Verfassung scheint jedenfalls ein Schritt in die richtige Richtung zu sein.

(Bilder folgen)