Alle Jahre wieder… Plädoyer gegen den 1. Mai im Allgemeinen und Speziellen.

Wieder ist es einmal so weit. Einmal im Jahr dürfen sich Neonazis mit pseudosozialer Rhetorik schmücken, dürfen Gewerkschafter, SPD und Linkspartei Schutzschirme fordern und die Autonomen in Kreuzberg mal so richtig die Sau raus lassen.

Auch auf anderen Blogs macht sich die Erkenntnis breit, dass der 1. Mai eigentlich nur (noch) „politisch eingefärbte Folklore mit riesigem subkulturellem Angebot ist“: 0% ernstzunehmende Politik. 100% Subkultureller Spaß.

„100 Jahre DGB tun dem Kapital nicht weh.“

In jedem Provinznest veranstalten DGB, SPD und Linkspartei je nach Stadtgröße Infostände, Kundgebungen, Konzerte oder Demonstrationen. Das Motte des diesen Jahres „Arbeit für alle bei fairem Lohn!“ hätte ebenso von der CDU stammen können.

Inhaltlich richtet sich die routinierte DGB Kampagne wie jedes Jahr vor allem an den Staat als Garant des persönlichen Glücks: Der DGB fordert von ihm, dass er in die Wirtschaft interveniert und so Arbeitsplätze und damit Einkommen sichert. In erster Linie ist der 1. Mai für die Gewerkschaften eine Bitte an den Staat. Liest man diese wahnwitzigen Hoffnungen der Gewerkschafter, könnte man denken, sie hätten die letzten Jahrzehnte auf dem Monde gelebt.
Wie um alles in der Welt können die Sozialdemokraten und Gewerkschafter nach Hartz4, nach Privatisierungspolitik und angesichts der stetigen und eindeutigen negativen sozialen Entwicklung der letzten Jahre daran glauben, dass der Staat plötzlich damit anfängt, sich in einem gesteigerten Maße für das Glück und die Würde der einfachen Menschen zu interessieren und für eine relevante soziale Besserung sorgt?
In dem verzweifelten Versuch vielleicht doch noch ein wenig glaubwürdig zu sein, wird im DGB Aufruf das Scheitern der neoliberalen Politik eingestanden und ein Wandel herbeigewünscht.
Mit der Forderung nach „einer soziale Marktwirtschaft, die dem Wohl aller Menschen dient und nicht den Reichtum Weniger fördert“ fordern die Realitätsfernen jedoch eine Quadratur des Kreises.
Gibt es laut der Regierung nicht schon seit Ewigkeiten in Deutschland eine „soziale“ (sic!) Marktwirtschaft?
Kapitalakkumulation und damit die Konzentrierung des gesellschaftlichen Reichtums auf immer weniger Menschen ist per Definition Merkmal der heutigen kapitalistischen Marktwirtschaft. Einerseits (aus mir bisher noch unerschlossenen Motiven) die Weiterführung dieser Marktwirtschaft fordern, aber von ihren Konsequenzen nichts wissen zu wollen, weißt eine gewisse Absurdität auf. Aber das sind wir ja schon gewöhnt.
„Für die Gewerkschaften stehen die Menschen vor den Märkten.“ Das mag ja schon sein. Für den real existierenden Kapitalismus ist es aber nicht so.
Um diesen gordischen Knoten aufzulösen versucht der DGB mal wieder die Gründe für Armut und Krise einzelnen Menschen, in diesem Fall „Banker, Manager und Spekulanten“, in die Schuhe zu schieben.
Einer ernsthaften, faktenbasierenden Diskussion, halten diese Argumente nicht stand. Um aber den einfachen Menschen glauben zu machen, das alles besser werden kann und man dazu nicht die Grundprinzipien des Kapitalismus anrühren muss, reichen sie vollkommen aus.
Der gewerkschaftliche 1. Mai sorgt also nicht dafür, dass es den Menschen besser geht, im Gegenteil, er sorgt für eine Legitimierung der bestehenden Zustände.

„20 Jahre Antifa: Deutschland ist noch immer da.“

Ein Blick in die großen Städte und die Aufrufe verschiedener linksradikaler Gruppen stimmt da schon ein wenig zuversichtlicher. Inhaltlich gibt es wenig auszusetzen. Korrekte Analysen, konsequente Forderungen.
Auch das Ziel der Proteste leuchtet mehr ein. Nicht an den Staat als Fürsorger wird sich gerichtet, sondern an die Menschen, damit diese ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen.
Trotzdem hat sich nicht viel getan. Wie auch?
Brennende Autos und Straßenschlachten animieren die bürgerliche Bevölkerung nun einmal nicht dazu sich unvoreingenommen mit der geäußerten Kritik auseinander zusetzten.
Abgesehen davon, ist es schon eine sehr verstörende Art der Kritik, wenn man Luxusautos abbrennt. Man fordert den Luxus nicht ein, sondern scheint ihn abzulehnen.
Kein Wunder, das die Menschen nicht in den „revolutionären“ Chor einstimmen.
Für die Presse und Politiker ist es jedes Jahr auch wieder eine willkommene Gelegenheit vor Linksextremismus zu warnen und zu zeigen wie toll und friedlich das derzeitige System im Gegensatz zu den hirnlosen Krawallen doch ist.

„Köln hat den Karneval, München die Wies‘n, da kommen die Berliner im Vergleich glimpflich davon.“
- die Tageszeitung über den 1. Mai in Kreuzberg

Der erste Mai ist kein Tag wo Menschen im positiven Sinne politisiert werden. Er ist ein Tag für verkürzte Kritik, für sozialdemokratische Dampf-Ablasse und für testosteron- gesteuerten Krawall.
Anstatt Kritik um der Kritik willen zu üben, wird sie um der Tradition willen geübt. Und genauso wirkungsvoll ist sie auch. Am ersten Mai wird demonstriert, dass man doch auch gegen Kapitalismus seinen kann, ohne ihn abzuschaffen. Wer weiß, vielleicht gäbe es ihn ja ohne den 1. Mai ja gar nicht mehr…


1 Antwort auf “Alle Jahre wieder… Plädoyer gegen den 1. Mai im Allgemeinen und Speziellen.”


  1. 1 hank 01. Mai 2009 um 21:41 Uhr

    the roots and the ruins are the same thing

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