La Paz

Zwecks eines Einführungsseminares habe ich meine erste „kleine“ innerbolivianische Reise getätigt. Das war nicht ganz so einfach, da es von Santa Cruz nach La Paz, also vom einem Ende zum anderem Ende des Landes ging. Da innerlateinamerikanische Flüge relativ teuer sind und es so gut wie keinen Schienenverkehr gibt, fuhren wir mit dem Bus: 17 Stunden pro Fahrt.

Diese lange Reisezeit ist vor allem drei Gründen geschuldet. Erstens die zu überwindenden Höhenmeter. Während die Fahrt anfangs noch einigermaßen schnell von statten ging, wurde sie immer langsamer umso mehr wir uns dem Ziel nährten, denn selbiges liegt mitten in den Anden. Und da knapp 4000 Höhenmeter und einiges an Felsmassiv auf unserem Weg lagen, war eine gerade Strecke nicht möglich.
Der Zweite Punkt ist die unglaublich wenig vorhandene Infrastruktur. Autobahnen? Fehlanzeige. Obwohl wir uns auf der einzigen Strecke zwischen den beiden mit Abstand größten Städten Boliviens befanden, fuhren wir einen relativ langen Teil der Strecke auf Kopfsteinpflaster oder sogar unbefestigter Straßen. Besonders amüsant war das dann in den Bergen, wenn unser Bus stehen bleiben musste um Gegenverkehr durch zulassen (Zentimeterarbeit), weil die unbefestigten Serpentinen gerade für ein Fahrzeug ausreichten. Und wenn man auf einem Schotterweg nur noch ca. ein dreiviertel Meter auf jeder Seite Platz hat und sich keine Leitplanke zwischen der Straße dem Weg und dem Abgrund befindet, dann kann man sich vorstellen, mit welcher „Geschwindigkeit“ der Reisebus seine Kilometer hinter sich legt.
Als wäre dass nicht genug, mussten wir auch noch ca. alle drei Stunden an einer Zollstation oder an einem bewaffneten Posten halt machen. Je nach Glückslage durfte man nach kurzem Check weiter fahren, oder erst nachdem wahlweise alle Koffer, jedes Handgepäck oder sämtliche Personalien kontrolliert wurden. Und das auch gerne mal um 3 Uhr nachts, wenn man es gerade mit einem Haufen Anstrengung geschafft hat in dem sogenannten „5 Sterne Bus“ zu schlafen.

Naja, dafür kostet so eine 17-Stündige Tour in einem Fernreisebus, wie man ihn auch in Europa finden könnte, nur umgerechnet 10 Euro.

Trotz all der Strapazen lohnte sich die Reise auf jeden Fall. La Paz ist die beeindruckenste Stadt die ich je gesehen habe. Mit 1 Millionen (bzw. mit dem direkt angrenzenden El Alto 2 Millionen) Einwohnern und 3800 Metern über dem Meeresspiegel ist La Paz die höchstgelegenste Metropole der Welt. Das merkt man auch an dem relativ wenigen Sauerstoff, wenn man in den ersten Tagen nach kleinen Anstrengungen schnell nach (der dünnen) Luft hechelt.

Da die Großstadt in einer Art Talkessel liegt und sich über mehrere Berghänge erstreckt sind ziemlich viele Straßen extrem steil. Nicht nur dass es da anstrengend ist, von einem Ort zum anderen zu laufen, manchmal hat man auch Angst, das der Taxi Fahrer nicht weiter kommt, wenn er einmal auf so einer Schräge halten muss. Durch diese Höhenlage hat diese Stadt einen ganz besonderen Charme. Nicht nur die vielen kleinen verschlungenen Gassen überzeugen, es kann auch mal sein, dass man sich nur wenige Meter neben Hochhäusern auf einer großen Brücke mitten in der Stadt befindet. Sowohl vor und hinter einem, als auch ca. 50 Meter unter einem befinden sich Straßen, Häuser und Geschäfte. Besonders beeindruckend sind dich Nächte, wenn sich die Stadt in ein Lichtermeer verwandelt, dass man, nicht wie in Deutschland nur von Dächern, sondern von jeder Stelle bewundern kann, da die Lichter der Stadt bis weit auf die umliegenden bzw. gegenüberliegenden Berghänge hoch klettern.

Des weiteren ist La Paz das kulturelle und politische Zentrum des Landes. Hier ist der Regierungssitz, alle Botschaften und Ministerien befinden sich hier und alle Briefe kommen zuerst zur inoffiziellen Hauptstadt La Paz.
Das alle politischen Entscheidungen hier getroffen werden, sieht man auch an jeder Hauswand. Nicht nur anonyme Sprayer/innen versuchen sich hier viel künstlerisch und politisch am öffentlichen Raum, nein sogar die sozialistische Regierungspartei, die in der Stadt mit Abstand die Mehrheit hat, macht an vielen Wänden für sich Werbung.

In der Andenstadt kann man auch so viel mehr von dem indigenen Ursprung des Landes sehen, wie sonst nirgends. An jeder Ecke laufen noch vor allem Frauen in der traditionellen (aber meiner Meinung nach nicht sehr ästhetischen) Kleidung herum.
In La Paz befinden sich die meisten Kinos, die meisten Filmfestival, die meiste Konzerte und die meisten Ausstellung.

Ein noch erwähnenswerter und besonders interessanter Punkt ist die Nachbarstadt von La Paz: El Alto. Die Stadt wuchs, als die arme indigene Landbevölkerung in die Stadt zog und sich vor La Paz niederließ.
Nun ist El Alto fast genauso groß wie La Paz und besitzt ein ganz eigenes Innenleben. Da die Bevölkerung sich hier fast nur aus der Indigenen zusammensetzt, die sich vorher noch in Kommunen fernab vom modernen Staat organisiert haben, haben hier die staatliche Justiz und Verwaltung nur einen relativ geringen Einfluss.
Die Bevölkerung organisiert sich weitestgehend selbst in Form von Nachbarschaftsvereinigungen, in denen sie alle wichtigen Entscheidungen treffen, z.B. ob eine neue Straße gebaut werden soll oder wie man Kriminalitätsprobleme im Stadtteil angeht.
Auch ersetzt hier teilweise die traditionelle kommunitäre Justiz den staatlichen Strafvollzugapparat, was auch nicht selten ein Problem darstellt. El Alto ist also politisch und soziologisch ein ziemlich interessantes Objekt.

Der eigentliche Grund meiner Reise, nämlich das Seminar, fand ca. dreieinhalb Stunden Busfahrt „tiefer“ von La Paz statt, an einem idyllischen Bergvorsprung inmitten eines tropisch bewachsenen und klimatisch angenehm warmen Canyons. In einem ziemlich komfortablem Haus mit gutem Essen, tollen Menschen, Pool und Bier sowie umgeben von riesigen Bergen und vielfältiger Vegetation vergingen die Tage dort nur allzu schnell.

Auffällig war, wie viele Jugendliche aus Deutschland da waren. Von den weltweit ca. 20 Jungen und Mädels (PS: 3 Jungen; Rest Mädels) die mit ICYE nach Bolivien gingen, waren 8 aus Deutschland. Da noch 2 aus der Schweiz da waren, sprachen die meisten der internationalen FSJ‘ler Deutsch.
Bei anderen Organisationen sieht das ähnlich aus. Ich bin immer wieder überrascht, wie viele Jugendliche aus Deutschland in Santa Cruz sind.
Das liegt aber auch daran, das es für Deutsche viel billiger ist, ein soziales Jahr im Ausland zu machen. Jugendliche aus anderen Ländern bezahlen manchmal das doppelte und bekommen (zumindest bei meiner Organisation) viel viel weniger Gehalt/Taschengeld.

Da ich noch diverse Dinge zwecks meines Visums klären musste, blieb ich nach dem Seminar noch zwei Tage in La Paz, worüber ich eigentlich nicht unglücklich war, hatte ich doch Zeit mir noch ein bisschen die Stadt anzuschauen.
Auch ziemlich cool war, das ich dabei bei einem Studenten wohnte, der bei ICYE arbeitete. Dessen Vater wohnte auch mit in der Wohnung und ist pensionierter Soziologie/Politik Professor und übrigens auch ein guter Freund von Raul Zibechi (der vlt. einigen von euch ein Begriff ist, er schrieb viele Bücher über soziale Bewegungen, gerade in Südamerika). Deshalb stapelten sich in dem Haus auch nur so die Bücher. Von Marx über Max Weber bis hin zu Hoppes war alles vertreten. Wären die nicht alle auf Spanisch gewesen hätte ich mir gleich ein Haufen ausgeliehen.

Jetzt bin ich wieder zurück in Santa Cruz und so sehr ich La Paz auch vermisse bin ich auf wieder froh, hier zu sein. Der einzige Haken an La Paz ist nämlich das Klima. So hoch gelegen wird es selbst im Sommer nicht allzu warm. Und in den Winternächten kann es auch schonmal gefrieren. Deshalb geniesse ich es auch wieder in der Nacht draussen sitzen zu können und morgens nicht von 8°C ohne warmes Wasser und Heizung begrüsst zu werden.


3 Antworten auf “La Paz”


  1. 1 Aurélie 08. September 2009 um 10:26 Uhr

    hoffentlich seid ihr nicht über die straße des todes gefahren :D
    das klingt alles so wunderbar! ich will fotos sehen!

    abrazo y besito!

  2. 2 Admin 09. September 2009 um 15:21 Uhr

    Naja…ich glaub nicht, aber ueber eibne Strasse die war mindestens genauso schlimm…oO

    Fotos kommen, ich hatte meiner Kamera leider nicht mit in La Paz, werd mir aber von Alli n paar Fotos geben lassen…bis dahin sind auch schon einige auf ihrem Blog.

  1. 1 Koksen Kotzen Kommunismus « Momente – Gesellschaftskritik, Privates & Politisches aus Bolivien Pingback am 17. September 2009 um 16:45 Uhr
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