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Nun bin ich schon fast drei Wochen hier und hatte so schon genügend Zeit mich mit gewissen kulturellen Mustern auseinanderzusetzen, die unabhänig vom finanziellen Status auftreten, und sich von selbigen in der europäischen Gesellschaft unterscheiden.

Einige Unterschiede merkt man schneller, andere weniger. Was mir als erstes aufgefallen ist, ist eine gewisse Unorganisiertheit. Gegen das ICYE (meine Endsendeorganisation) Komitee Bolivien wirkt das deutsche Komitee wirklich straff organisiert. Es ging schon damit los, dass sie, entgegen mehrfachen Beteuerungen, meiner Gastfamilie nicht Bescheid gaben, mich vom Flugzeug abzuholen (einfach vergessen…). Schlimmer noch, hätte die deutsche Sektion sie nicht noch mehrfach vorher erinnert, hätten sie gar nicht realisiert, dass ich als einziger aus Deutschland 10 Tage vorher ankomme.
Und so kann das endlos weitergehen: Während mir noch in Santa Cruz versichert wurde, dass ich meinen Pass dort lassen kann, stellten sie dann im 17 Stunden entfernten La Paz zufällig fest, dass ich denselben doch unbedingt für gewissen Visaprozedere benötige. Bei einem anderen Freiwilligen wurde anscheinend noch nicht einmal sein Projekt konkret rückbestätigt, sodass er sich noch einmal, wohlbemerkt als er schon in Bolivien war, für dass Projekt bewerben musste. Ob und in welchem Projekt ich dann konkret arbeite, wurde auch relativ spontan geklärt. Wer sich eigentlich um unsere Visums kümmert stand bis vor wenigen Tagen auch noch nicht so fest.
Allgemein, und dass wurde uns auch so vom ICYE Team (und anderen) erklärt, lebt man hier eher in der Gegenwart und denkt weniger an die Zukunft. Langfristige Planung ist selten und wird dann auch kaum wirklich so umgesetzt. Es ist zum Beispiel gar nicht möglich, eine Fahrkarte für einen Fernreisebus früher als am Tag der Abreise zu kaufen (wurde mir jedenfalls so gesagt).

Der weiterer Punkt ist die latente Betonung der Gesellschaft vor dem Individuum. Das Kollektiv ist viel wichtiger als der Einzelne. Das macht sich auf unterschiedlichen Ebenen bemerkbar, z.B. auch auf der familiären. Die familiären Bindungen sind viel stärker als in Europa und Kinder leben auch nicht selten bis 25 oder 30 bei ihren Eltern.
Hier ein Bild von einem Aushängeschild „Wir lernen Public Relations“, dass ich in einem Krankenhaus in La Paz gefunden habe. Ganz unten steht zum Beispiel „Das am wenigsten wichtigste Wort: Ich“ und „Das wichtigste Wort: Wir“.

Schon in den alten Maya und Inka Kulturen war die Gemeinschaft das wichtigste. Jede/r hatte seinen fest definierten Platz in der Gesellschaft mit fest definierten Aufgaben und Pflichten. Wer seinen Platz nicht anerkennt oder seinen gesellschaftlichen Pflichten nicht nach kommt, konnte bis zum Tod bestraft werden.
Natürlich wurde die Kultur der indigenen Völker im Laufe der Konquista weitestgehend aufgelöst und nach und nach von der individualistischen und freiheitlicheren bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft abgelöst, die kulturell-soziale Prägung kann man aber noch immer tendenziell merken, z.B. auch in Kleinigkeiten. So wäre es hier ein Unding die Rechnung im Restaurant auf die Anwesenden aufzuteilen. Das wird man gar nicht gefragt. Wenn man nun doch einzeln zahlen will, ist es immer sau anstrengend, herauszufinden wer was bezahlen muss und das dann passend in das Körbchen zu legen. Eine andere Sache ist auch, dass alles geteilt wird. Das Bier ist normalerweise 0,62 l groß und wenn man solches in der Bar bestellt,schenkt der Barkeeper nicht jedem sein Bier ein, sondern öffnet eines der bestellten Flaschen und schenkt aus dieser allen ein. Überhaupt ist es Sitte, sooft man sich nachschenkt, immer auch allen anderen das Glas zu füllen.
Die Betonung des Kollektivs, kann auch ein Grund dafür sein, hier der sogenannte „Sozialismus der 21. Jahrhunderts“ so gut ankommt.

Da die Gemeinschaft auch so wichtig ist, ist es auch wichtig den Schein des gegenseitigen guten Beziehungen unbedingt zu wahren. Direkte Kritik ist verpönt, es ist schlimmer jemanden zu kritisieren oder eine unangenehme Wahrheit zu sagen, als jemanden anzulügen. Auf die Idee zu kommen, zu sagen dass ein Gericht nicht schmeckt, kommt kaum eine/r. Umso mehr muss man die Köchin dann überzeugen, wenn das Essen wirklich geschmeckt hat.

Weiterhin auffällig ist, dass Kirche und Politik eine viel größerer Rolle spielt, als zum Beispiel in der deutschen Gesellschaft. Die vor allem (nein, fast ausschließlich) christlichen Kirchen sind immer gut gefüllt, es gibt christlichen Kanäle im Radio und auf sehr vielen Autos kleben Aufkleber mit religiösen Sprüchen.
So ähnlich, nur noch intensiver, ist es mit der Politik. Jede/r aber absolut jede/r hat eine Meinung zum politischen Tagesgeschehen, man kann sich mit jedem Taxifahrer (Taxifahrerinnen hab ich noch nie gesehen) über Politik unterhalten und alle gehen wählen. Zwar gibt es auch eine, Wahlpflicht, aber auch jene, bei denen die Sanktionen nicht greifen gehen wählen, einfach weil sie es als wichtig empfinden.

Das weit verbreitete Urteil, dass die Südamerikaner/innen offen, herzlich aber dafür auch ein bisschen faul sind, würde ich jetzt nicht unkommentiert unterstützen bzw. nicht auf einen ganzen „Kulturkreis“ beziehen. Stattdessen würde ich das eher vom Klima abhängig machen. Logisch kann ich das zwar nicht begründen, aber ich weiß, dass sich auch hier die Menschen in La Paz (kalt) und Santa Cruz (warm) unterscheiden. In La Paz sind auch die Menschen etwas kühler und distanzierter, aber wenn sie dafür etwas vorhaben (z.B. eine bestimmte politische Aktion) ziehen sie es auch durch. In Santa Cruz sind die Menschen allgemein etwas offener und herzlicher aber zeigen manchmal auch weniger Engagement bei bestimmten Sachen.

Einige weitere Dinge die mir aufgefallen sind: Das Essen ist hier extrem kalorienreich. Ich versteh gar nicht, wie man bei diesem Wetter so viele so schwere Sachen essen kann. Nicht nur das typische Essen besteht quasi zu 50% aus Fett, auch alles andere enthält meist entweder Zucker oder Fett. Mir ist es schon zweimal passiert, dass ich im Restaurant ein Mineralwasser bestellt hatte und daraufhin schräg angeguckt wurde. Als ich ein zweites Mal „agua mineral“ betonte, bekam ich schließlich eine Limo. Auf einigen Artikeln die ohne Zucker sind, ist dies dann extra betont. Zum Beispiel kann man Packungen von Kaffeebohnen kaufen wo „ohne Zucker“ drauf steht.
Zum Frühstück wird mit hier eine Art Milchbrei als Getränk und zum Essen Götterspeise und Kekse serviert.

Auffällig ist auch, dass man sich nie darauf verlassen kann, dass die Leute, z.B. im Restaurant wechseln können. Wenn man zum Beispiel sein Taxi nicht passend zahlen kann, kann es schon mal zu Problemen kommen. In einem Fall ist mein Taxifahrer nach einigen Diskussionen dann ausgestiegen und zu einem Kollegen gerannt, der dann glücklicherweise wechseln konnte.

Obwohl das meiste hier sehr günstig ist, gibt es auch teure Sachen. Ich war beispielsweise schon mehrfach in Läden, wo ich mich über die günstigen Klamottenpreise gefreut habe und mir die Angestellten dann gesagt haben, dass sie die Preise in Dollar angegeben haben. Das ist zwar nicht die Landeswährung, aber die Einheimischen mit ihren Bolivianos können sich im Regelfall solche Sachen sowieso nicht leisten.