Fortwährender Ausnahmezustand

Es ist doch wirklich schon etwas anderes nur bloß von der Armut zu wissen, als sie wirklich zu erleben. Als ich mir gestern Abend vom Stadtzentrum ein Taxi rief, um nach Hause zu fahren, fuhr mich ein sehr junger Fahrer. Crica mein Alter. Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er nebenbei Medizin studierte. Um das Geld für sein Studium aufzubringen, fährt er jeden Tag zusätzlich noch acht Stunden Taxi, schlafen tut er höchstens fünf, manchmal sechs, manchmal aber auch nur vier Stunden. Ich fühlte mich immer schlechter, ihm zu erzählten, dass ich nur von Montag bis Freitag acht Stunden arbeite und sonst frei habe. Mehr noch, die Nächte meines Studentenlebens werde ich wahrscheinlich nicht Taxi fahren, sondern mich mit Freunden in Bars oder auf Party herumtreiben. Die Zeit, die er anatomische Gegebenheiten auswendig lernen muss, können Leute wie ich im Stadtpark interessante Bücher lesen und nebenbei vielleicht noch ein Becks schlürfen. Und trotzdem werde ich wahrscheinlich später mehr Geld zur Verfügung haben als er.
Theoretisch zu wissen, das es Menschen gibt, denen nicht ein solches schöne Leben vergönnt ist und wirklich real mit einen gleichaltrigen Menschen zu sprechen, er auf der Fahrerseite, arbeitend und ich, chauffiert und mit ungleich mehr Privilegien ausgestattet, ist wahrlich ein Unterschied.
Und es gibt Leute denen geht es noch schlimmer. Auf meiner Busfahrt von nach La Paz nach Santa Cruz habe ich ärmliche Hütten mit Wellblechdächern und Bauernhöfe mit einem Dach aus Stroh sehen kennen. Während ich Sorgen habe, wenn mein Lieblingsclub schließt und der Junge im Taxi, weil er nur Arbeit aber keine Zeit zum amüsieren hat, haben diese Leute teilweise kein fließendes Wasser, kein Strom, kaum medizinische Versorgung und, mangels adäquater Bildungsangebote, keine Möglichkeit aus dieser Armut zu entfliehen.
Das ist eine reale Katastrophe. Wir bräuchten keine Krisen, keine Naturkatastrophen, keine Unglücke um uns in Aufregung versetzen. Der Ausnahmezustand passiert tagtäglich und dauert fortwährend an. Diese Menschen leben nicht in Frieden. Aber entgegen eines Waldbrandes oder einer Geiselnahme geht ihre Last meistens nicht so schnell vorbei.