Die Deutschen, Kultur und Santa Cruz

Gestern war ich mal wieder auf einem Konzert. Es hat so eine Indierock Band aus Bonn gespielt. War ganz cool. Und ja, es war auch ein wenig komisch hier in Santa Cruz am Einlass auf Deutsch „Hmm, hast du es nicht kleiner?“ gefragt zu werden, Heinecken zu trinken (Becks gab`s nicht), um mich herum deutsche Indiekinder und Hippies zu sehen und die Band deutsche Ansagen machen zu hören. Und dies wird auch nicht das einzige „deutsche“ Event sein, dass ich besuchen werde.

Morgen geh ich shoppen und danach besuche ich ein deutschsprachiges Kabarett. Zurzeit ist nämlich die sogenannte „Semana Alemania – Deutsche Woche“ im hiesigen Goethe Institut. Hinter diesem grauenvollen Namen verbirgt sich jeden Abend eine Veranstaltung, von Theaterstücken wie „Die Abgründe des Nils“ über Filme wie „Keinohrhasen“ bis hin zu einer Fotoausstellung von verschiedenen Plätzen in Deutschland 1990 und 2002 im Vergleich.
Und nicht nur diese Woche wird hier deutsch gesprochen, im besagten Gebäude gibt es auch ein deutsches Café, eine Bibliothek mit deutschen Büchern und jede Woche mindestens ein Event, von Theater bis hin zu Ausstellungen. Bezeichnend finde ich auch, dass sich dieses Goethe Institut nicht irgendwo, sondern direkt am „Plaza Principal“ befindet, also direkt im Zentrum der Stadt, neben der Kathedrale und gegenüber vom Rathaus.
Publikum hat das dieses deutsche Kulturzentrum auf jeden Fall. Hier in Santa Cruz gibt unglaublich viele Deutsche. Zur Veranschaulichung eine kleine Anekdote: Freitag vor einer Woche wollte ich mich mit drei meiner deutschen Freunde treffen, die kamen aber doch später. Ich also ins Internetcafé gegangen. Auf dem Weg dahin läuft mir eine Gruppe von drei deutschsprachigen Jugendlichen entgegen. Kaum sitze ich in dem Internetcafé merke ich dass die beiden Mädels neben mir gerade im StudiVZ sind und auch Deutsch sprechen. Später bin ich mit meinen Leuten in ein Café (noch eine Deutsche mehr kennen gelernt) und wir merken, am Nebentisch sprechen zwei…..ja genau: Deutsch.
Es passiert mir immer wieder, dass ich auf der Straße oder im Supermarkt Leute deutsch reden höre. Selbst mein Arbeitskollege kommt aus Deutschland. Gerade hat er eine Au-Pair da. Ja. Aus Deutschland. Und wäre dass nicht genug, fangen selbst die Bolivianer/innen an Deutsch zu reden. Die beste (Privat-)Schule hier ist die „Deutsche Schule“. Heißt die Kinder lernen da neben Mathe und Biologie auch viel Deutsch und verbringen alle mindestens drei Monate in Deutschland. Ich habe sogar schon ein deutsches Graffiti an einer Wand gesehen! (Wenn ich das nicht mit eigenen Augen gesehen hätte, würde ich`s auch nicht glauben)
Ich hab mich also nicht gewundert, als die deutsche Band gestern den Konzertraum fast ganz gefüllt hat.
Es ist zwar wirklich schon angenehm ein deutsches Buch lesen zu können (die wirklich wichtigen haben sie aber net, weder Adornos negative Dialektik, noch „Berlin, Techno und der Easyjet“ von Rapp) und ein Theater auf Deutsch ist auch ganz nice. Aber der kritische Mensch fragt sich doch spätestens bei der Deutschen Woche, die dann mit Samstag dem dritten Oktober, dem Feiertag der Deutschen, endet, was das alles werden soll? Der Versuch dass deutsche Volk auch im Ausland zusammen zuhalten, nationales Hegemonialbestreben oder vielleicht doch progressive Kulturpolitik?
Ich denke die einfache, plakative und für viele moderne Linke sehr verführerische und immer gültige Logik: „Kultur“ + „Deutschland“ = „Scheiße“ (auch) hier zu verwenden wäre falsch. Zwar finde ich die Intentionen des Goethe Institutes mehr als fraglich „die deutsche Sprache in der Welt zu verbreiten“, dennoch würde ich diese Institution nicht vollkommen verdammen.
Kein/e einigermaßen intelligente/r Linke/r käme auf die Idee ein vergleichbares amerikanisches Kulturinstitut in Deutschland zu verteufeln oder gegen Anglizismen zu argumentieren.
Auch will ich hier gar kein „Bolivien den Bolivianern“ diskutieren und auf diesem Weg versuchen diesen deutschen Kulturimperialismus zu verteufeln.
Das einzige was ich vielleicht diskutieren würde, ist ob vielleicht ein Unterschied zwischen deutscher und z.B. amerikanischer Kultur existiert, die erstere delegitimieren würde. Zweifellos fand die Shoa nicht in Amerika oder Asien, sondern in Deutschland statt. Und zweifellos war sie auch nicht das Solo-Projekt von einem einzelnen Diktator., sondern wurde von jubelnden Volksmassen getragen und entstand aus deutscher Ideologie, deutscher Geschichte, deutscher Kultur. Auch war es so dass keine Stunde Null gab, völkischer Nationalismus, Rassismus und Antisemitismus bestanden weiterhin. Theodor W. Adorno sagte, nach Auschwitz noch ein Gedicht zu schreiben, wäre barbarisch.
Eine automatische, quasi mechanische Folgerung, dass jedes deutsche Kulturprodukt automatisch völkisch und antisemitisch sei, ist jedoch absurd und geht auch von völkischer Homogenität aus. Ich denke, es ist richtiger das Subjekt der Kritik auf konkrete regressive Elemente untersuchen, als die (Pseudo-)Kritik bei „Deutsch…aha doof“ aufhören zu lassen. Ich konnte bisher wenig konkret falsches am Goethe Institut finden. Es gibt hier noch nicht einmal eine Deutschland-Fahne. Und das Personal scheint auch eher auch alternativen Studentinnen, als aus völkischen Opas zu bestehen und selbst in der Bibliothek gibt es statt Fokus den Spiegel, statt FAZ die „Le Monde de diplomatic“.
Dort hab ich mich nun auch schon angemeldet und begrüße das Goethe Institut bisher als Gegner homogener Kulturvereinsamung und Hort interessanter Veranstaltungen. Nur der Kaffee ist wider Erwarten wirklich, wirklich grauenhaft.


1 Antwort auf “Die Deutschen, Kultur und Santa Cruz”


  1. 1 Gottgefällig und Lustfeindlich « Momente – Gesellschaftskritik, Privates & Politisches aus Bolivien Pingback am 23. Oktober 2009 um 3:12 Uhr
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