Einführende Worte zur (radikalen) Linken in Südamerika

Ein Grund für mich ein Auslandsjahr in Südamerika zu machen, war damals auch nicht nur die südamerikanische Gesellschaft (dazu habe ich ja bereits etwas geschrieben), sondern auch ihre sozialen Bewegungen kennen zu lernen. Che und Konsorten kamen ja auch von hier und wo sonst auf der Welt gab bzw. gibt es mehr Elan für die Errichtung des Sozialismus als in Südamerika.
Aktueller Anlass für diesen Text sind u.a. auch die diese Woche stattfindende bolivianische „Sozialistenkonferenz zu Ehren von Che Guevara“ in Vallegrande/Bolivien. Dieser berühmte Antisemit verbrachte bekanntliche seine Kindheit und Jugend hier in Bolivien. Er ist hier Volksheld und es gibt hier auch einige Statuen von ihm. Dass er sagte, dass er nicht zögern würde eine Atombombe auf Amerika zu werfen, wenn er denn eine hätte, scheint hier keinen zu stören und passt auch perfekt in den ideologischen Rahmen der meisten linken Gruppen hier.

Genau wie der Rest der Gesellschaft sehen sie ihr Heil in Kollektivismen.
Zunächst einmal muss man sagen, dass es hier keine typische radikale Linke wie in Deutschland und Europa gibt. Man muss unterscheiden zwischen den Bewegungen der indigenen Völker und den SozialistInnen/Kommunisten. AnarchichistInnen gibt es auch, sie spielen jedoch eine eher untergeordnete Rolle. Das Programm der indigenen Bewegung hört sich an wie der Name der ehemaligen rechtsextremen EU-Partei: Identität, Tradition, Souveränität. Ein wichtiger Erfolg für diese politische Gruppe (die Indigenas nicht die europäischen Faschisten) ist es, dass Bolivien jetzt ein „multi-ethnischer Staat“ ist. Das heißt, es ist jetzt offiziell, dass genau 39 Rassen Ethnien in Bolivien gibt. Gefördert wird auch, dass jede der 37 Sprachen Amtssprache ist und so viel wie möglich gesprochen wird. Verharren in Tradition, Überbetonung kultureller Riten und Bräuche, sowie Besinnung auf die eigene „ethnische“ Identität sind hier linke Domänen und spielen in den meisten sozialen Bewegungen eine Rolle. Da wird dann auch mal gefordert, dass Indígena-Dorfgemeinschaft ein bestimmten Anteil Land zusteht, Bauern-Dorfgemeinschaften jedoch nicht. Auf meine Nachfrage, wie man denn nun feststellt, ob denn ein bestimmter Mensch Indígena oder Bauer ist, bekam ich jedoch keine richtige Antwort. Stammbaumüberprüfungen oder Gentest gibt es jedenfalls (noch) nicht. Ich glaube dass entscheidet dann das Grundbuchamt bei der Landvergabe. Ähnlich wie bei Goebbels: „Ich bestimme wer Jude Indígena ist“.

Neben Volk spielt natürlich auch, wie sollte es auch anderes sein, die Nation eine wichtige Rolle. Dass zeigt sich schon auf der bolivianischen Indymedia Seite, wo unter der Kategorie „Enclases“ – Links eine Seite namens „ProBolivia“ verlinkt ist. Nationalfahnen mit sich zu führen schämt sich die (radikale) Linke hier auch nicht.
Denn man weiß hier: Im eigenen Kollektiv (Nation Bolivien, Volk Quechua/Aymara/usw.) läuft alles richtig. Tauchen Probleme auf, werden diese exterretorialisiert. Sie müssen von „außen“ kommen. Beliebte Projektionsflächen sind hier neben den Klassikern USA und Israel auch transnationale Unternehmen. Nicht die Strukturen der kapitalistischen Produktion, wie Kapitalakkumulation, Konkurrenz, Profit-zwang usw. sind Ursache für Armut und Umweltzerstörung, sondern z.B. der als Repräsentant der modernen liberal-bürgerlichen Gesellschaft gebrandmarkte Staat USA. Da schmücken dann schon mal Hasstiraden wie „Yankees go home“ die Wände in La Paz (ich konnte leider kein Photo machen). Oder radikale Antiimperialisten demonstrieren und randalieren gegen die neue USA-Militärbasen zur Drogenbekämpfung. Das Problem ist nicht Militarismus oder restriktive Drogenpolitik, sondern vor allem der Teufel USA. Willkommen in der Allianz gegen diesen Imperialisten ist jeder, ist doch bekannt, dass gerade wegen dessen Antiamerikanismus Venezuela und Bolivien so gute Beziehungen zum Mullah-Regime Iran haben.
Auch Feinde des Nationalstaates wie multinationale Unternehmen (auch gern von Globalisierungsgegnern „Multis“ genannt) sind als alleinige Sündenböcke gerne willkommen. Zweifellos sind viele dieser Unternehmen für Umweltzerstörung und Ausbeutung verantwortlich. Wenn aber Evo Morales sagt, dass diese sozio-ökologischen Konflikte erst seit dem Auftauchen der Trans- bzw. Supranationalen Unternehmen auftraten, so widerspricht das völlig der Realität und trägt eher zur Verklärung als zur Lösung des Problems bei.
Aber im revolutionären Kampf bleibt keine Zeit für unmännliche Dinge wie Demut oder Eingestehung der eigenen Unfähigkeit.
Und genauso verhält es sich auch mit dem Verhältnis der lateinamerikanischen Länder zum Sozialismus. Man(n) ist fest davon überzeugt, den Stein der Weisen gefunden zu haben und die einzige Hürde zur Etablierung des Sozialismus sind die bösen Kapitalisten.
Diese Antikapitalisten weigern sich das einzugestehen, was spätestens nach dem Zusammenbruch des Ostblockes 1990 unübersehbar ist: Nämlich dass sich ein so komplexes System wie die globale kapitalistische Marktwirtschaft nicht zentral steuern lässt und dass der Wunsch nach der Kontrolle desselben in der Folgerung meist auch die Kontrolle der Atome der Wirtschaft, also den Menschen, zur Folge hat und in einem diktatorischen System endet (was sich auch empirisch gezeigt hat: SU, DDR, Kuba,etc.).
Ob man schlicht zu dumm ist, um dies zu bedenken oder sogar mit autoritären staatskapitalistischen Systemen wie der DDR liebäugelt, konnte ich bisher noch nicht herausfinden.

Aber nicht nur die lateinamerikanische Linke ist weit von progressiven Gesellschaftsentwürfen entfernt. Auch in Deutschland gibt es noch einen großen Teil der Linken der (in strukturell antisemitischer Form) Einzelpersonen und -gruppen für die Nachteile der modernen Gesellschaft verantwortlich macht und Probleme exterretorialisiert. Für die letzte Krise sind dann nicht Fehler im Finanzsystem verantwortlich, sondern eine böse gierige Gruppe (angloamerikanischer) Banker und Bänkerinnen. Oder wenn SPD, Linkspartei und NPD in ihrer Standtortdebatte die gute Nation und böse (weil von außen) „Heuschrecken“ gegenüberstellen. Konkrete Schuldige benennen zu können und verantwortlich zu machen ist nämlich immer einfacher, als sich mit den komplizierten abstrakten Strukturen des Kapitalismus und der modernen bürgerlichen Gesellschaft auseinander zusetzen.


4 Antworten auf “Einführende Worte zur (radikalen) Linken in Südamerika”


  1. 1 ??? 08. Oktober 2009 um 20:32 Uhr

    SCHLECHTER TEXT & VOLLER SCHREIBFEHLER.
    WAS FÜR EINE ZEITVERSCHWENDUNG.

  2. 2 atari 08. Oktober 2009 um 21:05 Uhr

    Erstmal eine Begriffsfrage: Ist Antisemitismus eine Sündenbocksuche oder ist jede Sündenbocksuche mit dem vorbelasteten Term „strukturell antisemitisch“ inhaltlich nicht deckungsgleich? Warum dann mit „Totschlagwörtern“ kommen, wenn es auch neutrale und damit sachlichere gibt?
    Das mit der Atombombe auf Amerika (ich vermute es ist die USA gemeint) ist imo „nur“ eine Form von Populismus, hatte doch die USA Overkillkapazität zum einen und er mit „seinem“ Land hätte ebenso die Folgen der radioaktiven Verseuchung zu leiden gehabt. Heute ist der Populismus eventuell subtiler geworden, aber sogenannte Wahlversprechen haben einen ähnlich hohen Grad an Populismus.
    Aber warum wird denn „USA“ und „Israel“ so oft als Wort benutzt, obwohl eigentlich „liberale Wirtschafts- und Gesellschaftsortnung“ gemeint ist. (das ist nicht spezifisch auf den Artikel bezogen)
    Der imo schönste Satz ist: „Nationalfahnen mit sich zu führen schämt sich die (radikale) Linke hier auch nicht.“

  3. 3 Admin 08. Oktober 2009 um 22:11 Uhr

    @???

    Welch kosntruktive Kritik… *gähn*

    @atari:

    ich wuerde „strukturell antisemitisch“ nicht als „Totschlagwort“, sondern als wissenschaftlichen Begriff auffassen. Er hat eine Bedeutung und eine Geschichte. Natuerlich ist der Begriff „antisemitsisch“ negativ besetzt, aber dass sehe ich nicht als grund um dies zu umschreiben. Warum sollte man dieses Wort um alles in der Welt vermeiden wollen? Deweiteren ist Antisemitism,us auch komplexer als nur „Suendenbocksuche“. Hierzu empfehle ich den Vortrag „Logik der Vernichtung“ von Moishe Postone, anzuhoeren und downloadbar im Audioarchiv.

    Zu deiner anderen Frage gibts auch schoene Vortraege (Antiamerikanismus) im Audioarchiv: Hier und hier. (sorry dass ich auf Vortraege verweise, aber das ist IMO besser als wenn ich hier verkuerzt 5 Saetzte dazu schreibe)

  4. 4 Admin 08. Oktober 2009 um 22:16 Uhr

    Ich habe natuerlich auch ein wenig uebertrieben und polemisiert. Und sicherlich gibt es auch viele Linke hier mit progressiveren Ideen und natuerlich ist auch nicht jedes Kollektiv von vornerein schlecht. Aber das geschriebene ist mein erster Eindruck hier und ich glaube zur Diskussionsanregung darf man auch ein wenig bissig schreiben.

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