Sucre

Ja, ich lebe noch. Es ist relativ lange her seit seit dem letzten Artikel, aber wie das immer so ist: zuerst passiert nichts erwähnenswertes, und dann viel zu viel um noch Zeit zum Bloggen zu finden.

Whatever, vorletzte Woche war ich in Sucre, der Hauptstadt Boliviens, und möchte euch ein kleinen Bericht nicht vorenthalten.

Vorweg allerdings: Wer von Santa Cruz nach Sucre reisen möchte und nicht zu der Sorte Abenteuer-Reisenden gehört, denen kein Bus zu klapprig und kein Hostel zu schmutzig ist, dem rate ich davon ab diese Strecke auf dem Landweg zu bewältigen.
Sucre liegt, obwohl eigentlich Hauptstadt, nicht auf der Hauptverkehrsroute in Bolivien, dass heißt es gibt nur wenig Busse nach nach Sucre. Und die, welche da fahren sind…nunja…sagen wir mal Mittelklasse. Das „luxeriöseste“ was mensch auf dieser Strecke kaufen kann ist der 4-Sitz Schlafbus. Das heißt eine alte Klapperkiste ohne Toilette oder besondere Federung, welche einem jeden Stein auf den unbefestigten – und teilweise unbeleuchteten – Wegen der 16-Stunden Tortour spüren lässt. Eine Klimaanlage ist natürlich auch totaler Luxus. Will heißen, dass der Bus sich am Nachmittag in der prallen Hitze von Santa Cruz unglaublich mit Wärme auflädt, dass man eigentlich nur am offen Fenster und Fahrtwind nicht denaturalisiert und dann – so circa auf halbem Weg – in der Nacht in den Bergen auf nicht gekannte Kältegrade runtergekühlt wird. Ein Spaß für jeden, der in der cruzenischen Hitze nicht daran denkt, eine Winterjacke mitzunehmen.
Wobei es auch fraglich ist, ob es Platz zum umziehen gibt. Das was den Bus als „Schlafbus“ ausmacht ist, das man den Sitz um 20° nach hinten verstellen kann und ein kleinen Abstellplatz für die Füße hat.
Die Mittellose einheimische Bevölkerung ist nicht nur gezwungen diese Art der Fortbewegung zu nutzen, teilweise müssen sie auch auf dem Fußboden des Busses oder im Gepäckraum mitreisen. Die Busfahrer trinken sich zu allem Überfluss auch noch manchmal ’nen Schnaps um die Eintönigkeit ihres bitteren Lebens weg zu spülen oder kauen Koka um die 16-Stunden wach zu bleiben, während sie unbefestigte Bergserpentinen hoch kriechen.

Wer weder muss, noch will für den gibt es von BoÁ einigermaßen günstige (33 Euro) Flüge von Santa Cruz nach Sucre die sehr komfortabel und schnell sind.

Sucre an sich ist eine sehr schöne Stadt. Sie hat allerdings nicht wirklich Hauptstadt-Feeling. Im Gegenteil: Wären da nicht allgegenwärtig die bettelnden Kinder könnte man Sucre schon fast mit einer netten europäischen Kleinstadt verwechseln. So sauber, ruhig, geordnet und umrandet von mit Nadelbäumen bewaldeten Berghängen ist Sucre wirklich anders als andere bolivianische Städte.
Besonders einprägsam ist, dass das ganze Zentrum in Weiß gestrichen ist. Fast jedes Jahr werden die Hauswände neu angestrichen, damit der weiße Glanz erhalten bleibt.

Sucre ist eher ein ruhiges Städtchen. Hier gibt es nicht viele große Diskotheken oder Vergnügungsorte, dafür aber umso mehr Studenten. Museen, Kunstausstellungen und Bars in denen Filme und Theater gezeigt werden. Eine gelungene Abwechslung zum hektischen, lauten aber kulturlosen Santa Cruz.

Politisch-Historisch Interessant ist die sehr nahe gelegene Stadt Potosí. Sie ist die „Minen-Stadt“ Boliviens. Einst war sie die Goldgrube des Landes und eine der größten Städten der Welt. Heute ist sie ein Symbol der Ausbeutung und der Armut des Landes. Das Silber das in diesen Minen gefördert wurde, floss zu 100% nach Europa und war dort eine wichtige Grundlage des kolonialistischen Reichtums. Heute kriechen immer noch Minenarbeiter in die Stollen; das bisschen was sie dort finden, lohnt aber den Aufwand kaum. Sie leben in alten Lehmhütten vor den Minen und arbeiten den ganzen Tag in der Finsternis der Stollen. Jeder kann dort auch auf eigene Faust sein Glück versuchen. Wer an einer bestimmten Stelle Silber vermutet, kann er einfach zum Minenmarkt gehen, sich Dynamit kaufen und von mit dem sprengen und bergen anfangen. Die Gefährlichkeit dieser Arbeit für alle Arbeiter – tausende sind noch Kinder – muss ich nicht weiter erklären. Meistens werden die Minenarbeiter nicht älter als 35 oder 40 Jahre da danach der giftige Bergstaub ihre Lungen zersetzt. Wenn sie nicht vorher an einem Unfall sterben: Die Stollenanlagen und Ausrüstung sind aus 16. Jahrhundert und haben sich seit dem kaum geändert. Auch das ist Bolivien.


… mehr Bilder bald wie gewohnt auf dem Fotoblog http://leavetheworld.tumblr.com/


7 Antworten auf “Sucre”


  1. 1 Aurélie 09. Februar 2010 um 18:14 Uhr

    Danke für den Bericht!

    ähh…aber auf deinem Fotoblog sind iwie nicht mehr Bilder von Sucre, oder?

  2. 2 Admin 09. Februar 2010 um 18:23 Uhr

    Nein, aber die kommen noch. Morgen, übermogen oder so :)

  3. 3 Hate 25. Februar 2010 um 7:14 Uhr

    Wui…
    Das hätte ich irgendwie gar nicht erwartet, dass die Hauptstadt von Bolivien sich so anfühlt, wie du es beschrieben hast; vorallem im Kontrast zu den „anderen“ Einträgen. Wirklich faszinierend. Interessiert mich nun wie du nach Sucre gekommen bist ^^
    Interessant auch dass dieser glänzende Reichtum genau neben dem übelsten Loch Potosí liegt; da hat man mal wieder Hell und Dunkel so dicht neben ein ander.

    Lsn

  4. 4 Admin 01. März 2010 um 0:56 Uhr

    Ich…mit dem Bus… :(
    Aber die Rücktour bin ich dann geflogen.

    Ich wusste gar nicht, dass du grad in Bolivien bist??

  5. 5 Hate 01. März 2010 um 13:50 Uhr

    Hallo lieber Admin,

    nö ich bin nicht in Bolivien..
    Auch wenn sich das grade so in meinem Kommentar so angehört haben mag, aber mit „anfühlen“ meinte ich nicht, dass ich selber da bin sondern das Gefühl, welches du mit deinem Artikel rübergebracht hast.

    Tut mir leid für die Verwirrung.

    Lsn

  6. 6 Admin 02. März 2010 um 5:34 Uhr

    ach, brauchst dich doch net entschuldigen :)

  7. 7 anna lasser 29. Dezember 2010 um 15:09 Uhr

    ola habe nur zufallig deine berichte ueberflogen und leider keine zeit zum weiterlesen , lebe seit 5 jahren in einer winzigen comune bei san ignacio d.vel. schreib mal wenn du lust hast , waere interresant.

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