Karneval

Ja. Ich gebe es zu. Ich bin ziemlich schreibfaul geworden. Das liegt einerseits daran, dass ich in letzter Zeit abends viele Dinge tue und selten allein zu hause sitze, aber auch daran dass ich gerade – aus welchen Gründen auch immer – einfach eine Blog-Unlust habe.

Wie dem auch sei. Eine Sache habe ich mir vorgenommen zu bloggen: Karneval. Was man hier zumeist von Rio und Brasilien kennt, hat wenig mit dem Fest zu tun, was unter dem gleichen Namen in Deutschland zu vorzufinden ist.

Auffallend sind vorallem die regionalen Unterschiede. Karneval in Santa Cruz ist nicht wie Karneval in Rio und auch nicht wie der in La Paz oder Cochabama.
Der Karneval in Orouro zum Beispiel – seines Zeichens Weltkulturerbe – ist bekannt für große und lange Umzüge mit traditionellen Tänzen und farb- und motivreichen Kostümen.

Nun, der Karneval in Santa Cruz ist … sagen wir mal weniger traditionell. Man könnte es eher mit einem unglaublich großem und ausschweifenden Volks- und Trinkfest umschreiben. Dies nimmt Dimensionen an, die ich mir aus Deutschland nicht vorstellen konnte und auch nicht von dem sonst eher biederen und ruhigen Santa Cruz erwartet hatte.
Schon Wochen vorher wird jedes Wochenende ein sogenannter Prä-Karneval zelebriert: Mit Shows, der Wahl einer Karnevalskönigin, Umzügen und Besäufnissen.
Wochenlang gibt es kein anderes Gesprächsthema in Santa Cruz, alles und jeder bereitet sich auf den Karneval vor.
Ist es dann soweit, geht von Freitag bis Dienstag niemand arbeiten, die Polizei zieht verstärkt auf, das öffentliche Verkehrsnetz bricht zusammen, das komplette Zentrum wird für den Verkehr gesperrt und der Großteil der Geschäfte schließen ihre Pforten. Kurzum: Das normale gesellschaftliche Leben setzt aus und der Ausnahmezustand setzt ein.
Was alle Karnevalsfeiern in Bolivien gemeinsam haben, ist dass sich die Menschen auf den Straßen mit Wasserbomben bewerfen, mit Schau einsprühen und mit Wasserspritzpistolen nassmachen.
Was Santa Cruz besonders macht, ist dass hier die Wasserpistolen auch mit Farbe gefüllt sind. An jeder Ecke wird extrem günstig Fläschchen nicht-wasserlöslicher Farbe in allen Farbrichtungen verkauft.
Das beeinflusst natürlich auch das Straßenbild: Die wenigen Busse und Taxis die noch fahren sind komplett mit Schlamm eingerieben um nicht für den Rest ihrer Zeit mit bunten Farbflecken auf dem Lack herumfahren zu müssen und alle Menschen, die in Santa Cruz geblieben sind, verlassen das Haus nur noch in alten Klamotten, da die Farbe sich nicht auswaschen lässt.

Karneval beginnt zwar Samstagabend mit einem gigantischen, kilometerlangen und im Fernsehen übertragenen Umzug; das Herzstück dieses Festes bildet jedoch die Straße oder nochmehr sogenannte „Garagen“ an den Folgetagen. Diese Garagen sind Grundstücke, oft Garagen oder Parkplätze die über die Stadt verteilt sind und auf denen man (wenn man vorher für Eintritt und Bier bezahlt hat) den ganzen Tag über feiern kann.
Das sieht dann so aus, dass sich dort jeweils hunderte Menschen versammeln, und von Mittags an feiern, tanzen, Bier und Schnaps trinken. Dabei wird sich extensivst bei sommerlichsten Temperaturen betruncken und sich gegenseitig mit Wasser, Schaum, Farbe und Bier übergossen. Das das außerdem sexuell sehr aufgeladen ist versteht sich von selbst.
Gegen Abend ist die Feier jedoch meist auch schon wieder vorbei und meistens gehen gegen 20Uhr oder 22:00Uhr die Leute – völlig fertig und alkoholisiert – nach Hause, schlafen ihren Rausch aus und tauchen am nächsten Mittag mehr oder weniger ausgeruht wieder in der Garage auf um das Prozedere fortzuführen.

Karneval hier in Santa Cruz kann man nur lieben oder hassen. Viele verlassen für das verlängerte Wochenende die Stadt oder decken sich vorsorglich mit Lebensmitteln ein, um das Haus für Karneval nicht verlassen zu müssen.
Spätestens Montag versinkt die Garage in einer Schlammpfütze und einer Wiese aus leeren Bierdosen welche schon einen markanten Geruch ausströmt. Einzig allein der noch vorhandene Restalkohol der Vortage ermöglicht es mit wenigen Bier dies schnell auszublenden und ein Teil der betrunkenen ausgelassenen, Bier-Schweiss-Farb-triefenden Masse zu werden.
Zusammenfassend hat es eine Bekannte von einer Freundin beschrieben, die uns von Karneval zu einer christlichen Freizeit außerhalb der Stadt abwerben wollte: „Für diese Tage werden alle Regeln des menschlichen Miteinanders außerkraftgesetzt. Jeder tut so als ob er ausgelassen und fröhlich wäre, alle Grenzen werden überschritten.“

Die Grenzüberschreitung betrifft bei einigen aber leider nicht nur den bisherigen Promille-Rekord: Während der Karnevalszeit kann man als Frau nach Dämmerung nicht alleine in der Straße laufen. Insgesamt gab es in Bolivien über 70 Karnevalstote, meist alkoholbedingte Verkehrstote und Resultate enthemmter handgreiflicher Auseinandersetzungen.


1 Antwort auf “Karneval”


  1. 1 Teja 08. März 2010 um 18:40 Uhr

    EIn tolle Bidl! Das macht Sehnsucht nach mehr!
    Und wie ich sehen, hast Du Dich auch nicht auf die christliche Freizeit abwerben lassen, sonst wären wir ja nicht in Genuß des Bildes gekommen. Manchmal muß man halt standthaft sein! :-)
    Liebe Grüße Teja

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