Archiv der Kategorie 'Bolivien'

Gottgefällig und Lustfeindlich

Die Deutschen die hier in Bolivien leben sind nicht nur Jugendliche während eines Auslandsjahres und Touristen, ganz in der Nähe lebt auch eine Kolonie Mennoniten aus Deutschland die seit hunderten von Jahren abgeschieden wie im Mittelalter wohnen:

Im Südosten Boliviens leben rund 25 000 strenggläubige Mennoniten nach deutschen Bräuchen aus dem 17. Jahrhundert. Ein „Gott gefälliges Leben“ soll sie vor den Verlockungen der Moderne schützen.

Ungewöhnlich groß sind die Schaufelräder des Traktors, mit dem Bernhard Dyck sein Feld bestellt. Sie sollen den 40-jährigen Bauern vor der Fahrt in die Hölle bewahren. „Wir haben diese Räder, um der Versuchung zu widerstehen, spazieren zu fahren“, erklärt Bernhard in langsamem, hölzern klingendem Althochdeutsch, und tatsächlich machen die eisernen Schaufeln die Räder für jede Straße unbrauchbar. Bequem spazieren zu fahren – das wäre nicht gottgefällig.

Die Zeit scheint stehen geblieben zu sein im Südosten Boliviens, in der Mennoniten-Kolonie „Nueva Esperanza“ (Neue Hoffnung).
[…]
Zwölf Stunden dauert die Fahrt von der Kolonie bis Santa Cruz, der nächstgrößeren Stadt. Das ist weit genug, um die Moderne auf Abstand zu halten. „Wir kämpfen jeden Tag aufs Neue, auf das wir das Wort Gottes richtig verstehen“, meint Bernhard und streicht fast ein wenig verlegen über seine grobe Latzhose. Das bedeutet, auch „nur von dem zu leben, was wir durch unserer eigener Hände Arbeit und der Gnade Gottes erhalten“. Jeden Morgen um fünf stehen er und seine Frau Anna gemeinsam mit ihren acht Kindern auf und machen sich ans Tagwerk: Kühe melken, Hühner füttern, den Gemüsegarten pflegen und die Felder bestellen. Das seit einigen Jahren Traktoren für die Feldarbeit zugelassen sind, war keine Selbstverständlichkeit. Doch am Ende entschied der Vorstand der Kolonie, dass „es Gott gefällig ist, wenn die Ernte reich wird“.

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Something about Santa Cruz

Ich war noch nie in einem Land dass so unterschiedlich ist, wie Bolivien. Gerade das Hochland und das Tiefland unterscheiden sich extrem. Ob Klima, Vegetation, Kultur, Politik, Ökonomie, Bevölkerung. Alles unterscheidet sich. Da ich ja schon etwas kurz über La Paz geschrieben habe, möchte ich auch noch einen kurzen Berichte über die Stadt schreiben, in der ich wohne.
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Nightly activitys…

Hunting mosquitos

via tekknoatze.

Einführende Worte zur (radikalen) Linken in Südamerika

Ein Grund für mich ein Auslandsjahr in Südamerika zu machen, war damals auch nicht nur die südamerikanische Gesellschaft (dazu habe ich ja bereits etwas geschrieben), sondern auch ihre sozialen Bewegungen kennen zu lernen. Che und Konsorten kamen ja auch von hier und wo sonst auf der Welt gab bzw. gibt es mehr Elan für die Errichtung des Sozialismus als in Südamerika.
Aktueller Anlass für diesen Text sind u.a. auch die diese Woche stattfindende bolivianische „Sozialistenkonferenz zu Ehren von Che Guevara“ in Vallegrande/Bolivien. Dieser berühmte Antisemit verbrachte bekanntliche seine Kindheit und Jugend hier in Bolivien. Er ist hier Volksheld und es gibt hier auch einige Statuen von ihm. Dass er sagte, dass er nicht zögern würde eine Atombombe auf Amerika zu werfen, wenn er denn eine hätte, scheint hier keinen zu stören und passt auch perfekt in den ideologischen Rahmen der meisten linken Gruppen hier.
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Clubbing Guide No. 1

Heute werde ich das erste mal was über das bolivianische Nachtleben erzählen und dabei euch meine aktuellen Lieblingsclubs vorstellen, wer weiß, vielleicht ließt das ja auch der/die eine oder andere die/der auch gerade in Santa Cruz ist und irgendwann mal herkommt und ähnlich Partys mag wie ich.
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Die Deutschen, Kultur und Santa Cruz

Gestern war ich mal wieder auf einem Konzert. Es hat so eine Indierock Band aus Bonn gespielt. War ganz cool. Und ja, es war auch ein wenig komisch hier in Santa Cruz am Einlass auf Deutsch „Hmm, hast du es nicht kleiner?“ gefragt zu werden, Heinecken zu trinken (Becks gab`s nicht), um mich herum deutsche Indiekinder und Hippies zu sehen und die Band deutsche Ansagen machen zu hören. Und dies wird auch nicht das einzige „deutsche“ Event sein, dass ich besuchen werde.
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Koksen Kotzen Kommunismus

Die bolivianische Stadt La Paz zieht Rucksackreisende aus aller Welt an – sie gilt als Hotspot für den Drogentourismus. Schuld daran ist die Bar Route 36. Sie ist so verrucht, dass sie ständig den Ort wechseln muss.
«Wenn man die Bar zum ersten Mal betritt, möchte man meinen, man sei in einer normalen, wenn auch etwas heruntergekommenen Kneipe gelandet. Dieser Eindruck ändert sich jedoch spätestens, wenn der Kellner nicht nach Getränkewünschen, sondern nach der Menge Kokain fragt, die man zu konsumieren gedenkt.» So beschreibt ein Tourist im Forum der Schweizer Organisation Eve&Rave seinen ersten Besuch in der Kokainbar Route 36. Die Kellner in der Bar servieren das Kokain in CD-Hüllen mit einer Selbstverständlichkeit als wären es Sandwichs. Dazu gibt es kleine, acht Zentimeter lange Röhrchen.

Route 36 – die erste Kokain-Lounge der Welt – ist wohl die berühmteste Bar in ganz Südamerika. Ein Reporter der britischen Zeitung «The Guardian» wollte sich selber ein Bild vor Ort machen und reiste nach La Paz. Die 2-Millionenstadt liegt auf etwa 3600 Metern im Anden-Hochland. Bolivien ist eines der ärmsten Länder in Lateinamerika, die soziale und politische Lage ist angespannt und Kriminalität und Armut sind hoch.

«Die Qualität ist herausragend»

«Jeder kennt diesen Ort», sagt Jonas, ein Rucksacktourist der vor zwei Tagen angekommen ist. Obwohl Kokain in Bolivien illegal ist, scheint in der Bar niemand wirklich beunruhigt zu sein. «Der Eigentümer der Bar hat die richtigen Leute bezahlt», sagt ein Kellner mit einem Lächeln dem Reporter des «Guardian». Tausende Touristen besuchen die Bar jedes Jahr und konsumieren Kokain, das berühmt für seine Reinheit ist.

Im Forum von Eve&Rave heisst es dazu: «Man kann zwischen Premium- und Standard-Qualität wählen, ein Gramm kostet etwa zehn Euro – relativ viel für bolivianische Verhältnisse. Die Qualität ist aber herausragend, das Kokain sehr rein, pulvrig und entfacht eine herrliche, lang andauernde Wirkung. Ich habe in keiner anderen lateinamerikanischen Stadt Stoff von solch hoher Qualität konsumiert.»

Was wie eine überschwängliche Gastro-Kritik daherkommt, ist gefährlicher, als es sich anhört. Kokain – wie jeder weiss – macht schnell süchtig und kann den Körper zerstören.

Obskure Szenen in der Bar

Wegen dem illegalen Treiben muss die Bar regelmässig ihre Räumlichkeiten wechseln. Wenn es gut kommt, kann die Kneipe drei Monate am gleichen Ort bleiben. Meistens wechselt sie den Platz aber alle zwei Wochen. «Doch die Taxifahrer wissen stets Bescheid, wo sich die berüchtigte Bar gerade befindet», sagt ein Redaktor einer bolivianischen Zeitung, der anonym bleiben will.

Ein Rucksacktourist beschreibt, was für obskure Szenen sich in der Bar Route 36 abspielen: «Aufgelockert wird die Atmosphäre durch lustige Spielchen, etwa wird von Zeit zu Zeit ein mit Drogen und Kondomen gefülltes Pappmaché-Tier an die Decke gehängt und von einem Gast mit zugebundenen Augen kaputt gehauen. Die Drogen werden auf dem ganzen Boden verstreut und eine Meute von Besuchern wirft sich auf die Päckchen und erfreut sich an Gras und Kokain.»

DEA aus dem Land geworfen

Der Kokain-Tourismus in La Paz ist auf eine Kombination von korrupten Behörden und dem allgemein chaotischen Treiben in der Stadt zurückzuführen. Aber auch Staatschef Evo Morales ist daran nicht ganz unschuldig: Der Präsident Boliviens kämpfte stets für die Rechte der Kokabauern und hat die US-Drogenbekämpfungsbehörde DEA aus dem Land geworfen. Nirgendwo in Südamerika wächst die Kokainproduktion schneller als in Bolivien.

Der «Guardian»-Journalist zieht nach seinem Besuch folgendes Fazit: Den Kokain-Tourismus in La Paz zu stoppen dürfte so schwierig sein wie die Leute damals während der Prohibition vom Trinken fernzuhalten.

(via)

Cool, was?
Allerdings will ich hier noch einige Fakten klarstellen: Evo Morales begünstigt mit seiner Politik nicht den Drogenkonsum. Eher im Gegenteil. Zwar tritt der ehemalige Kokabauer für die Förderung des Kokaanbaus und Exports ein, hält aber nicht viel von Koks. Koka ist ein traditionelles bolivianisches Produkt, dass schon seit Jahrtausenden in Bolivien angebaut und konsumiert wurde. Es geriet erst in Verruf, als es 1859 Albert Niemann gelang, Kokain aus den Pflanzen zu isolieren und er damit die weit verbreitete Edeldroge Kokain erfand.
Die chemische Erstellung, der Handel, Besitz und Konsum desselben wird in Bolivien extrem verfolgt. Beim Umgang mit Drogen warten im Vergleich zu Deutschland drakonische Strafen. Wird man mit solchen aufgegriffen, kann man schon mal gleich ein halbes Jahr ins Gefängnis wandern. Nicht selten fährt die Polizei mit Hundertschaften auf Partys und stellt fest, ob dort Drogen konsumiert werden. Wenn sie welche finden, werden erstmal alle (!) Partybesucher/innen mit aufs Präsidium geschleppt. Auch innerhalb des Landes gibt es viele Kontrollposten, welche Busse, Lkws und Autos auf Drogen durchsuchen.

Das der bolivianische Präsident die DEA aus wies, ist nicht einer liberalen Drogenpolitik geschuldet, sondern anderen politischen Gründen (zum Beispiel der Wunsch nach anderweitigen Nutzung des Cocas).

Des weiteren gilt festzuhalten, das die Bar 36 nicht die erste und auch nicht die einzige Bar ist, wo man Koks bestellen kann. Das Besondere ist nur die gute Qualität und dass man es quasi offen tun kann. Inoffiziell, sprich unterm Tisch, kann man Koks in relativ vielen Bars in Bolivien bestellen. Nicht umsonst wird das Koka hauptsächlich in Bolivien angebaut und ein Großteil zur Kokainproduktion verwendet.

Oder mal n Naeschen ziehen....

Fortwährender Ausnahmezustand

Es ist doch wirklich schon etwas anderes nur bloß von der Armut zu wissen, als sie wirklich zu erleben. Als ich mir gestern Abend vom Stadtzentrum ein Taxi rief, um nach Hause zu fahren, fuhr mich ein sehr junger Fahrer. Crica mein Alter. Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er nebenbei Medizin studierte. Um das Geld für sein Studium aufzubringen, fährt er jeden Tag zusätzlich noch acht Stunden Taxi, schlafen tut er höchstens fünf, manchmal sechs, manchmal aber auch nur vier Stunden. Ich fühlte mich immer schlechter, ihm zu erzählten, dass ich nur von Montag bis Freitag acht Stunden arbeite und sonst frei habe. Mehr noch, die Nächte meines Studentenlebens werde ich wahrscheinlich nicht Taxi fahren, sondern mich mit Freunden in Bars oder auf Party herumtreiben. Die Zeit, die er anatomische Gegebenheiten auswendig lernen muss, können Leute wie ich im Stadtpark interessante Bücher lesen und nebenbei vielleicht noch ein Becks schlürfen. Und trotzdem werde ich wahrscheinlich später mehr Geld zur Verfügung haben als er.
Theoretisch zu wissen, das es Menschen gibt, denen nicht ein solches schöne Leben vergönnt ist und wirklich real mit einen gleichaltrigen Menschen zu sprechen, er auf der Fahrerseite, arbeitend und ich, chauffiert und mit ungleich mehr Privilegien ausgestattet, ist wahrlich ein Unterschied.
Und es gibt Leute denen geht es noch schlimmer. Auf meiner Busfahrt von nach La Paz nach Santa Cruz habe ich ärmliche Hütten mit Wellblechdächern und Bauernhöfe mit einem Dach aus Stroh sehen kennen. Während ich Sorgen habe, wenn mein Lieblingsclub schließt und der Junge im Taxi, weil er nur Arbeit aber keine Zeit zum amüsieren hat, haben diese Leute teilweise kein fließendes Wasser, kein Strom, kaum medizinische Versorgung und, mangels adäquater Bildungsangebote, keine Möglichkeit aus dieser Armut zu entfliehen.
Das ist eine reale Katastrophe. Wir bräuchten keine Krisen, keine Naturkatastrophen, keine Unglücke um uns in Aufregung versetzen. Der Ausnahmezustand passiert tagtäglich und dauert fortwährend an. Diese Menschen leben nicht in Frieden. Aber entgegen eines Waldbrandes oder einer Geiselnahme geht ihre Last meistens nicht so schnell vorbei.