Archiv der Kategorie 'Politik und Diskussion'

Koksen Kotzen Kommunismus

Die bolivianische Stadt La Paz zieht Rucksackreisende aus aller Welt an – sie gilt als Hotspot für den Drogentourismus. Schuld daran ist die Bar Route 36. Sie ist so verrucht, dass sie ständig den Ort wechseln muss.
«Wenn man die Bar zum ersten Mal betritt, möchte man meinen, man sei in einer normalen, wenn auch etwas heruntergekommenen Kneipe gelandet. Dieser Eindruck ändert sich jedoch spätestens, wenn der Kellner nicht nach Getränkewünschen, sondern nach der Menge Kokain fragt, die man zu konsumieren gedenkt.» So beschreibt ein Tourist im Forum der Schweizer Organisation Eve&Rave seinen ersten Besuch in der Kokainbar Route 36. Die Kellner in der Bar servieren das Kokain in CD-Hüllen mit einer Selbstverständlichkeit als wären es Sandwichs. Dazu gibt es kleine, acht Zentimeter lange Röhrchen.

Route 36 – die erste Kokain-Lounge der Welt – ist wohl die berühmteste Bar in ganz Südamerika. Ein Reporter der britischen Zeitung «The Guardian» wollte sich selber ein Bild vor Ort machen und reiste nach La Paz. Die 2-Millionenstadt liegt auf etwa 3600 Metern im Anden-Hochland. Bolivien ist eines der ärmsten Länder in Lateinamerika, die soziale und politische Lage ist angespannt und Kriminalität und Armut sind hoch.

«Die Qualität ist herausragend»

«Jeder kennt diesen Ort», sagt Jonas, ein Rucksacktourist der vor zwei Tagen angekommen ist. Obwohl Kokain in Bolivien illegal ist, scheint in der Bar niemand wirklich beunruhigt zu sein. «Der Eigentümer der Bar hat die richtigen Leute bezahlt», sagt ein Kellner mit einem Lächeln dem Reporter des «Guardian». Tausende Touristen besuchen die Bar jedes Jahr und konsumieren Kokain, das berühmt für seine Reinheit ist.

Im Forum von Eve&Rave heisst es dazu: «Man kann zwischen Premium- und Standard-Qualität wählen, ein Gramm kostet etwa zehn Euro – relativ viel für bolivianische Verhältnisse. Die Qualität ist aber herausragend, das Kokain sehr rein, pulvrig und entfacht eine herrliche, lang andauernde Wirkung. Ich habe in keiner anderen lateinamerikanischen Stadt Stoff von solch hoher Qualität konsumiert.»

Was wie eine überschwängliche Gastro-Kritik daherkommt, ist gefährlicher, als es sich anhört. Kokain – wie jeder weiss – macht schnell süchtig und kann den Körper zerstören.

Obskure Szenen in der Bar

Wegen dem illegalen Treiben muss die Bar regelmässig ihre Räumlichkeiten wechseln. Wenn es gut kommt, kann die Kneipe drei Monate am gleichen Ort bleiben. Meistens wechselt sie den Platz aber alle zwei Wochen. «Doch die Taxifahrer wissen stets Bescheid, wo sich die berüchtigte Bar gerade befindet», sagt ein Redaktor einer bolivianischen Zeitung, der anonym bleiben will.

Ein Rucksacktourist beschreibt, was für obskure Szenen sich in der Bar Route 36 abspielen: «Aufgelockert wird die Atmosphäre durch lustige Spielchen, etwa wird von Zeit zu Zeit ein mit Drogen und Kondomen gefülltes Pappmaché-Tier an die Decke gehängt und von einem Gast mit zugebundenen Augen kaputt gehauen. Die Drogen werden auf dem ganzen Boden verstreut und eine Meute von Besuchern wirft sich auf die Päckchen und erfreut sich an Gras und Kokain.»

DEA aus dem Land geworfen

Der Kokain-Tourismus in La Paz ist auf eine Kombination von korrupten Behörden und dem allgemein chaotischen Treiben in der Stadt zurückzuführen. Aber auch Staatschef Evo Morales ist daran nicht ganz unschuldig: Der Präsident Boliviens kämpfte stets für die Rechte der Kokabauern und hat die US-Drogenbekämpfungsbehörde DEA aus dem Land geworfen. Nirgendwo in Südamerika wächst die Kokainproduktion schneller als in Bolivien.

Der «Guardian»-Journalist zieht nach seinem Besuch folgendes Fazit: Den Kokain-Tourismus in La Paz zu stoppen dürfte so schwierig sein wie die Leute damals während der Prohibition vom Trinken fernzuhalten.

(via)

Cool, was?
Allerdings will ich hier noch einige Fakten klarstellen: Evo Morales begünstigt mit seiner Politik nicht den Drogenkonsum. Eher im Gegenteil. Zwar tritt der ehemalige Kokabauer für die Förderung des Kokaanbaus und Exports ein, hält aber nicht viel von Koks. Koka ist ein traditionelles bolivianisches Produkt, dass schon seit Jahrtausenden in Bolivien angebaut und konsumiert wurde. Es geriet erst in Verruf, als es 1859 Albert Niemann gelang, Kokain aus den Pflanzen zu isolieren und er damit die weit verbreitete Edeldroge Kokain erfand.
Die chemische Erstellung, der Handel, Besitz und Konsum desselben wird in Bolivien extrem verfolgt. Beim Umgang mit Drogen warten im Vergleich zu Deutschland drakonische Strafen. Wird man mit solchen aufgegriffen, kann man schon mal gleich ein halbes Jahr ins Gefängnis wandern. Nicht selten fährt die Polizei mit Hundertschaften auf Partys und stellt fest, ob dort Drogen konsumiert werden. Wenn sie welche finden, werden erstmal alle (!) Partybesucher/innen mit aufs Präsidium geschleppt. Auch innerhalb des Landes gibt es viele Kontrollposten, welche Busse, Lkws und Autos auf Drogen durchsuchen.

Das der bolivianische Präsident die DEA aus wies, ist nicht einer liberalen Drogenpolitik geschuldet, sondern anderen politischen Gründen (zum Beispiel der Wunsch nach anderweitigen Nutzung des Cocas).

Des weiteren gilt festzuhalten, das die Bar 36 nicht die erste und auch nicht die einzige Bar ist, wo man Koks bestellen kann. Das Besondere ist nur die gute Qualität und dass man es quasi offen tun kann. Inoffiziell, sprich unterm Tisch, kann man Koks in relativ vielen Bars in Bolivien bestellen. Nicht umsonst wird das Koka hauptsächlich in Bolivien angebaut und ein Großteil zur Kokainproduktion verwendet.

Oder mal n Naeschen ziehen....

Fortwährender Ausnahmezustand

Es ist doch wirklich schon etwas anderes nur bloß von der Armut zu wissen, als sie wirklich zu erleben. Als ich mir gestern Abend vom Stadtzentrum ein Taxi rief, um nach Hause zu fahren, fuhr mich ein sehr junger Fahrer. Crica mein Alter. Wir kamen ins Gespräch und es stellte sich heraus, dass er nebenbei Medizin studierte. Um das Geld für sein Studium aufzubringen, fährt er jeden Tag zusätzlich noch acht Stunden Taxi, schlafen tut er höchstens fünf, manchmal sechs, manchmal aber auch nur vier Stunden. Ich fühlte mich immer schlechter, ihm zu erzählten, dass ich nur von Montag bis Freitag acht Stunden arbeite und sonst frei habe. Mehr noch, die Nächte meines Studentenlebens werde ich wahrscheinlich nicht Taxi fahren, sondern mich mit Freunden in Bars oder auf Party herumtreiben. Die Zeit, die er anatomische Gegebenheiten auswendig lernen muss, können Leute wie ich im Stadtpark interessante Bücher lesen und nebenbei vielleicht noch ein Becks schlürfen. Und trotzdem werde ich wahrscheinlich später mehr Geld zur Verfügung haben als er.
Theoretisch zu wissen, das es Menschen gibt, denen nicht ein solches schöne Leben vergönnt ist und wirklich real mit einen gleichaltrigen Menschen zu sprechen, er auf der Fahrerseite, arbeitend und ich, chauffiert und mit ungleich mehr Privilegien ausgestattet, ist wahrlich ein Unterschied.
Und es gibt Leute denen geht es noch schlimmer. Auf meiner Busfahrt von nach La Paz nach Santa Cruz habe ich ärmliche Hütten mit Wellblechdächern und Bauernhöfe mit einem Dach aus Stroh sehen kennen. Während ich Sorgen habe, wenn mein Lieblingsclub schließt und der Junge im Taxi, weil er nur Arbeit aber keine Zeit zum amüsieren hat, haben diese Leute teilweise kein fließendes Wasser, kein Strom, kaum medizinische Versorgung und, mangels adäquater Bildungsangebote, keine Möglichkeit aus dieser Armut zu entfliehen.
Das ist eine reale Katastrophe. Wir bräuchten keine Krisen, keine Naturkatastrophen, keine Unglücke um uns in Aufregung versetzen. Der Ausnahmezustand passiert tagtäglich und dauert fortwährend an. Diese Menschen leben nicht in Frieden. Aber entgegen eines Waldbrandes oder einer Geiselnahme geht ihre Last meistens nicht so schnell vorbei.

Ein Jahr nach den Unruhen

Morgen ist der 11. September. Es jährt sich der wohl schrecklichste islamistisch motivierte Terroranschlag ever und (politisch vieleicht ebenso bedeutend) damit auch der Beginn des „Krieges gegen den Terror“.
Aber der 11. September hat in Bolivien auch noch eine andere Bedeutung. Morgen vor einem Jahr fand das sogenannte „Pando Massaker“ statt, der Kulminationspunkt weitläufiger Ausschreitungen und Unruhen im vergangenen Jahr. Damals starteten die oligarchen bis rechten „Bürgerkomitees“ und die Provinzpräfekturen eine Kampagne gegen ein vom Präsidenten organisiertes Referendum, welches armen und indigenen Bevölkerungsgruppen mehr Rechte geben sollte. Die reichen Tieflandprovinzen fürchteten um ihre finanzielle Pfründe und hielten nicht viel von dem „sozialistischen“ und philoindigenen Kurs Evo Morales. Das ging, beziehungsweise geht soweit, dass diese Provinzen sich komplett von Bolivien abspalten wollen.
Letztes Jahr erhofften sich die radikalsten der eben genannten Gruppen ihre Ziele durch Gewalt und Rebellion zu erreichen. Es brach offener Vandalismus aus, es wurde sich bewaffnet und es wurden regierungsfreundliche, linke und soziale Projekte und Büros gestürmt, zerstört und besetzt.
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Bolivien und der Iran

Letzte Woche besuchte der Außenminister des Iran Menuchehr Mottaki Bolivien um die wirtschaftlichen Beziehungen zu vertiefen. Diese Kooperation mit dem islamistischen Regime ist nicht neu, sie begann schon Anfang 2007, als Achmadinedschad das südamerikanische Land besuchte und mehrere bilaterale wirtschaftliche Projekte verabschiedet wurden.
Dies ist keine politische Ausnahme, sondern passt perfekt in die antiisraelische und antiamerikanische Politik, welche die sozialistischen Länder Lateinamerikas eint.
Ganz vorne steht Venezuelas Präsident Hugo Chavez, bekannt durch diverse antisemitischen Äußerung und seiner hohen Meinung von Achmadinedschad (Bild).
Um die wirtschaftlichen Beziehungen nicht zu gefährden, eifert ihm nicht nur Evo Morales nach.
Während der Eskalation im nahen Osten Anfang des Jahres fanden in ganz Lateinamerika propalestinänsiche Demonstrationen statt, die Schuld wurde einseitig Israel zugeschoben und ihm als imperialistische Vorhut der USA jedes Recht auf Selbstverteidigung abgesprochen. Bolivien wieß nicht nur den israelischen Botschafter aus, sondern versuchte auch Israel vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zerren.

Hugo Chavez mit seinem Kumpel Achmedinedschad

Berlin und Teheran

So. Morgen beginnt ganz offiziell mein FSJ mit einem Vorbereitungsseminar in Berlin. Ich gehe mal davon aus, dass ich dort auch Internet haben werde. Inhaltlich erwarte ich allerdings nicht sehr viel. Zwar soll es auch um gesellschaftliche Themen und interkulturelle Kommunikation gehen, das Niveu schätzte ich aber, ausgehend vom letzten Seminar, als nicht sehr hoch ein. Wer sich etwas intensiver mit dem Thema interkulurelle Kommunikation beschäftigem will, dem/der empfehle ich Tzetan Todorov – „Die Eroberung Amerikas – Das Problem des Anderen“ vom Suhrkamp Verlag. Auch wenn der Mann nicht ganz unumstritten ist, ist das Buch doch sehr gut und unerlässlich für die Diskussion um das oben genannte Thema. An dieser Stelle noch einmal vielen Dank an meine Lieblings-Doktorantin in Berlin/Wien für das Buch ;)

Und noch was: Anscheind gibt es in letzter Zeit immer eine gute Demo, wenn ich nach Berlin komme. Diesmal möchte ich auch dafür werben. Morgen, am 05. August findet um 18.30 Uhr am Brandenburger Tor in Mitte eine Kundgebung zum Thema „Freiheit statt Islamische Republik! – Solidarität mit der iranischen Freiheitsbewegung – Keine Unterstützung und Anerkennung des iranischen Regimes!“, veranstaltet von der Initiative „Stop the Bomb“ statt. Also wer das ist, soll sich hinbewegen. Ich glaube nicht, dass ich es kann, da mein Seminar um 15:00Uhr losgeht.

Stopp the Islamists!

Zwischenmeldung

Aus den verschiedensten Gründen komme ich in letzter Zeit leider einfach nicht mehr zum bloggen. Daran wird sich auch in nächster Zeit nichts ändern, da ich heute erst einmal in den Urlaub fahre.
Bevor ich mich aber verabschiede möchte ich noch einen Blog empfehlen, der es mir zurzeit sehr angetan hat:

http://annalist.noblogs.org

Der Blog wird von Anne Roth betrien, der Lebensgefährtin von Andre‘ Holm, bekannt geworden als angeblich intellektueler Kopf der mg.
Anne berichtet auf dem Blog seitdem über die Praxis des BKA und der BAW. Manchmal wüsste man nicht, ob man beim lesen weinen oder lachen sollte, wenn es nicht so ernst wäre.

Viel Spaß beim schmöckern (auch wenn Anne jetzt auch in Urlaub fährt), bis bald.

Gastkommentar bei Sisana

Sisana betreibt einen Blog, auf dem sie nicht nur ihre Berichte aus Laos wiedergibt, sondern der gleichzeitig eine offene Plattform für die kritische Auseinandersetzung mit dem Bundesprogramm „Weltwärts“, welches jährlich tausende Freiwillige ins Ausland entsendet, darstellen soll. Da mich der Gegenstand als zukünftiger Freiwilliger angesprochen hat und da ich fand, dass die bisherige Kritik immer am Kern der Sache vorbei ging, war ich so frei und habe ein Gastkommentar bei Sisana geschrieben.

Den Text findet ihr hier.

Listen to this!

Und schon wieder was aus dem Iran. Ich weiß, diese Seite verkommt immer mehr zum Nahost-Blog, aber ich denke das es jetzt wichtig ist, den Iranerinnen und Iranern zur Seite zu stehen. Gegen das totalitäre Regime, was dort vorherscht, sind die Probleme innerhalb der EU ein Witz. Und in so einem Moment, der eine grundlegende Veränderung möglich macht, wie sie die letzten Jahrzehnte undenkbar wären, muss Solidarität das Gebot der Stunde sein.

Zu einem vertiefenden Verständnis der Situation im Iran gibt es hier ein Interview von Radio F.R.E.I mit Stephan Grigat unter dem Titel „Vom Auserwählten zum Gewählten?“

Desweiteren finden in Bremen, Stuttgart, Bochum, Düsseldorf, Berlin, Köln, Hannover, Dortmund, Hamburg, Münster, Nürnberg, Münster und Frankfurt Demonstrationen statt, die wichtig sind, um der iranischen Widerstandsbewegung symbolisch den Rücken zu stärken.
Desweiteren ist es notwendig, auf die Bundesregierung Druck ausüben die Pseudo-Wahl nicht anzuerkennen und uniliterale Sanktionen zu erlassen, die jedwede wirtschaftliche Beziehung zum Iran, bis Veränderungen eintreten, unterbinden.

Ach ja…Das hätt ich beinah vergessen.